Frischer Orgelwind im Toggenburg


Alt und neu: Das Ackerhus in Ebnat-Kappel. Foto: eba
Die erste Veranstaltung der OFSG in diesem Jahr führt am 26. April ins Toggenburg. Im Ackerhus in Ebnat-Kappel stehen im neuen Saal zwei Hausorgeln von Melchior Grob (1793) und Heinrich Ammann (1807), die nach einer Restaurierung seit dem letzten Sommer für Konzerte genutzt werden. Vorgestellt werden sie vom Orgelbauer Markus Meier und der Organistin Heidi Bollhalder vom Verein "Windbläss".

Eva Bachmann

"Der grosse Landschaftsgärtner, nachdem er die Elemente geschmolzen und erste Meere ausgeschickt hatte, formte mit Meeresablagerungen kilometerdicke Kalkwellen und zog sie ans Trockene. Darüber aber hatte er sieben Churfirsten geformt, Tasten einer Orgel gleich. Es fehlte der achte Ton, der die Oktave geschlossen und himmlischen Klang ermöglicht hätte." So beginnt die Geschichte des Toggenburger Autors Peter Weber im listigen Video auf der Windbläss-Homepage. Weber fantasiert einen Orgelhund herbei, der dem Handwerker zeigt, wie er den Wind einfangen und mit Holz und Metallen zum Klingen bringen kann. Seine Bedingung: Er will, dass sein Bild verbreitet wird.

Soweit die literarische Gründungsgeschichte des Vereins mit dem orgelspielenden Hund im Logo. Sie könnte auch anders erzählt werden. Windbläss heisst nämlich auch eine Alp auf der Toggenburger Seite des Speers. Der Ort, wo vermutlich viel Wind bläst, gab dem Verein den Namen. Die Version von Präsident Markus Meier lautet so: "Der Wind ist die Seele der Orgel. Und der Toggenburger Bläss ist gewitzt und ein bisschen frech, aber im Grunde gutmütig. Das passt zu uns." Denn Windbläss organisiert Veranstaltungen rund um die Toggenburger Hausorgeln, die manchmal traditionell klingen, gelegentlich aber auch ganz schön knarren, swingen und rappen.

Tradition erhalten und beleben
Der Verein Windbläss wurde 2009 im Bühl in Nesslau gegründet. Im ehemaligen Weblokal stand eine Hausorgel von Wendelin Looser von 1806. Zu schön, um sie ihrem Schicksal zu überlassen, fanden die Erben der Besitzerin Verena Reber. Sie liessen das Instrument restaurieren und versammelten eine Handvoll Enthusiasten, die sich um das Erbe kümmern wollten. Vereinspräsident wurde der Orgelbauer und Musiker Markus Meier, die Organisten Wolfgang Sieber und Heidi Bollhalder und der Kulturhistoriker Jost Kirchgraber zogen mit, dazu Darina Baumann, Rosmarie Giezendanner, Meta Engler, Reto Stäheli und Res Reber. Der Verein "setzt sich für die Erhaltung und Belebung der Toggenburger- Hausorgel-Tradition ein und versucht diese im Kontext der kulturellen Aktualität zu verstehen", heisst es in den Statuten. Dazu gehören selbstverständlich Konzerte, aber auch die Erforschung und Inventarisierung der Instrumente und die Vernetzung mit anderen Organisationen.

"Das Toggenburg ist die wichtigste Hausorgel-Gegend", erklärt Jost Kirchgraber. Wohl existiere die Tradition auch andernorts, etwa im Appenzellerland oder im Emmental, "aber so viele Instrumente auf so engem Raum, das ist einzigartig". Allein im Toggenburg gab es 4 bis 5 Orgelbauer und über 100 Instrumente. Der Grund dafür ist in der Religion zu suchen, allerdings nicht direkt in der Reformation. "Nach der Reformation waren die meisten Kirchen im Toggenburg paritätisch. Dort standen auch noch Orgeln", hält Kirchgraber fest. Die Hausorgeln gehen vielmehr auf den Pietismus zurück, der Mitte des 18. Jahrhunderts aufkam. Reformierte zogen sich zu privaten geistlichen Sitzungen in die Firstkammern der Häuser zurück. Wohlhabende Lehrer, Ärzte, Wirte, aber auch reiche Bauern konnten sich dazu eine Hausorgel leisten, die Ärmeren spielten die Halszither. Das klassische Repertoire waren geistliche Lieder. Erst im
19. Jahrhundert wurde die Hausorgel auch zum weltlichen Instrument, auf dem zum Tanz aufgespielt wurde.

Sieben Orgeln in einem Haus
Nicht weniger als sieben Hausorgeln stehen heute im Ackerhus in Ebnat-Kappel. Gesammelt hat sie Albert Edelmann (1886–1963), Lehrer im Bergschulhaus Dicken oberhalb von Ebnat. Als er 1952 pensioniert wurde und aus dem Schulhaus ausziehen musste, kaufte er ein Haus in Oberhelfenschwil, baute es in Ebnat-Kappel neu auf und richtete dort seine Sammlung von Orgeln und Zithern, aber auch Möbeln, Gemälden und Kunsthandwerk ein. Das Ackerhus wurde zum bewohnten Heimatmuseum. Nach Edelmanns Tod ging es in eine Stiftung über und wurde von seiner Haushälterin Ida Bleiker geführt, versank aber im Lauf der Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf.

Orgel von Joseph Looser (1800) im Obergeschoss des Museums.   Foto: eba
2008 sollte das Heimatmuseum im Ackerhus entweder liquidiert oder aber wiederbelebt werden. Ein neuer Verein um Jost Kirchgraber setzte sich dafür ein, dass die Sammlung im Tal bleiben konnte. Gewählt wurde eine energische Vorwärts-Strategie: Das Ackerhus erhielt anstelle des ehemaligen Sticklokals einen modernen und funktionalen Anbau mit einem Saal, der vermietet wird und auch rege für Veranstaltungen, Versammlungen und Kurse bis hin zu Klassenzusammenkünften und Hochzeits-Aperos genutzt wird – im alten Hausteil wurde ein stimmungsvolles Hochzeitszimmer eingerichtet. Damit kommt Leben zurück ins Haus, auch ins restaurierte Museum. "Tradition im Kontext der kulturellen Aktualität" könnte man in diesem Sinn auch dem runderneuerten Ackerhus zuschreiben. Das Alte konnte bewahrt werden, gerade weil es diese Verbindung eingeht mit dem Neuen, dem modernen Anbau, der einem zeitgemässen Bedürfnis entspricht.

Der Schub des Aufbruchs im Ackerhus kam auch den Orgeln zugute: Zwei der Instrumente stehen im neuen Saal, sie wurden für 100'000 Franken restauriert und sind spielbar, auf einer weiteren im Museum dürfen sogar Besucherinnen und Besucher den Klang ausprobieren. Der Verein Windbläss als Veranstalter und Vernetzer in Sachen Hausorgel hat das Vorhaben tatkräftig unterstützt und seither seine Aktivitäten auch vermehrt ins Ackerhus verlagert: "Ein Hausorgel-Paradies", nennt es Markus Meier. Für das neue Konzertlokal wurde denn auch auf eine gute Akustik geachtet, die Wände sind zum Teil mit Lochbrettern verkleidet. Der Raum klingt etwas nach, hat aber keinen Hall. Und auch wenn er gut besetzt sei, bleibe der Klang erhalten.

Plastisch gestaltete, konkav und konvex
gewölbte Pfeifenfelder der Ammann-Orgel.
Foto: Markus Meier

Zwei unterschiedliche Instrumente

"Für die beiden Orgeln ist der Raum perfekt", sagt Markus Meier. Man fühlt sich darin geborgen und nah am Geschehen, auch wenn er etwas grösser ist als die Firstkammern in den Toggenburger Häusern. Blickfang und wahrer Raumschmuck ist das Instrument von Heinrich Ammann von 1807. Schon im geschlossenen Zustand, aber erst recht, wenn man die Flügel öffnet und den ausnehmend schönen Prospekt zu Gesicht bekommt. Die zweigeschossigen Pfeifenfelder hat Ammann übrigens bei Grob abgeschaut, darauf ist Markus Meier bei seinen Forschungen gestossen. Von eben diesem Melchior Grob stammt die zweite Orgel im Raum, gebaut 1793. Sie wirkt äusserlich unscheinbarer, ist aber vom Klang her das grössere Instrument. Mit je zwei Acht- und Vierfussregistern klingt sie grundtöniger und voller und könnte deshalb auch als Kirchenorgel eingesetzt worden sein.


Die beiden Orgeln im Vergleich:
Grob 1793                                                            Ammann 1807
Manual C – e'''                                                       ManualC – f'''
Cüpel 8'                                                                 Copl 8'
Prinzipal 8' (ab c')                                                   
Flaute 4'                                                                 Blokflaut 4'
Prinzipal 4'                                                             Süssflaut 4' (Spitzflaut)
Mixtur 2 2/3' (ab c' 2fach)                                      Princibal 2'
                                                                              Oktav 2'
Ocdaf 1'                                                                 Mixdur1' 

Blick in den Saal im Ackerhus mit der
Grob-Orgel links und der Ammann-Orgel rechts. Foto: eba
Für Ensembles mit historischen Instrumenten eignet sich die Grob-Orgel besser, weil sie auf 415 Hz gestimmt ist. Ansonsten aber haben die Organisten die Qual der Wahl. Die zwei Orgeln haben ihre je eigene Charakteristik, aber auch ihre Macken. Ganz einfach zu spielen sind sie jedenfalls beide nicht. Gerade die Koordination mit dem Fusspedal für den Wind braucht etwas Übung, man muss ordentlich treten. Markus Meier bringt es trocken auf den Punkt: "Die Hausorgeln sind einmanualige Positive mit kleinem Umfang und erst noch schwer zu spielen – kein Traum für einen Organisten." Der Wert der Hausorgeln liegt in ihrer kulturhistorischen Bedeutung und der grossen Handwerkskunst.

Traditionelle und experimentelle Klänge
Als Musiker ist Meier fasziniert davon, was sich klanglich aus den Instrumenten herausholen lässt. Neben den traditionellen Konzerten mit Streichmusik, Handörgeli und Hackbrett sucht der Verein Windbläss experimentierfreudig nach Verbindungen mit einer moderneren Klangsprache. So wurde auch schon eine eigene Fassung von "Rrrrrrr" von Mauricio Kagel aufgeführt, zur Lesung von Gerold Späth hat der Audio- Designer Stefan Baumann die Klänge aus dem Innern elektronisch verfremdet und für das neue Programm ist ein Abend mit Musik und Theater in Planung.

An der Veranstaltung der St. Galler Orgelfreunde wird die Organistin Heidi Bollhalder die beiden Orgeln von Grob und Ammann musikalisch zur Geltung bringen. Jost Kirchgraber und Markus Meier steuern vertiefte Informationen zu historischen Hintergründen und zu den beiden Instrumenten bei. Orgelfreundinnen und -freunde sind herzlich eingeladen.

26. April, 19.30 Uhr, Ackerhus, Ebnat-Kappel (separate Einladung folgt)

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Bulletin zur Eröffnung des Vereinsjahrs 2017 - Frischer Orgelwind im Toggenburg download.pdf